Dienstag, 14. November 2017
don't talk just text
In der U-Bahn könnte man glatt vom Fußboden essen. Alles ist hell hier. Hellbeiger Fußboden und Wände, hellblaue Plastiksitze, helle Beleuchtung, tausende von beleuchteten Smartphonedisplays, die sich jeder vor die Nase hält.
Kein Anzeichen von Zerstörung, keine dunklen Ecken, keine Krümel oder zerknüllte Verpackungen. Essen und Trinken sind in der U-Bahn nicht erlaubt. Nicht einmal Kaugummikauen. Auch wird auf Hinweisschildern darum gebeten, nicht zu telefonieren, sondern zu texten, um niemanden zu stören. Dafür gibt's extra WIFI in der U-Bahn.

don't talk just text
Don't talk, just text

Das ist nervige Gängelei, aber auch schön und praktisch. Aber was mich am meisten erstaunt ist die Konformität. Alle halten sich daran. Wirklich alle. Während einer Fahrt steigen mal ein paar Jugendliche ein, die aussehen wie auf Krawall gebürstet. Also, für hiesige Verhältnisse. In Hamburg würde man sich wahrscheinlich fragen, wo die ihr Einhorn angebunden haben. Und ich denke so: Werden die es wagen, sich auf die Plätze zu setzen, die speziell für Alte, Kranke, Schwangere, Gehbehinderte, Mütter mit Kindern usw. usf. frei gehalten werden sollen? Und ja! Es gibt doch Menschen hier, die aus der Reihe tanzen. Aber schon an der nächsten Haltestelle räumen sie brav die Plätze und bieten sie lächelnd einer zugestiegenen älteren Dame an. I'm dumbfounded.

An den Einstiegen zur U-Bahn sind am Fußboden gekennzeichnete Flächen zum Schlangestehen. Und alle stellen sich ohne Murren und Knurren in Reihe und Glied. Es gibt kein Gedränge, selbst nicht bei überfüllten Zügen und wenn abzusehen ist, dass man vielleicht gar nicht mehr reinkommt. Es ist herrlich und unglaublich.

Bloss nicht aus der Reihe tanzen
Bloß nicht aus der Reihe tanzen

Apropos Eingänge. Die Hinweise darauf, was man zu tun und zu lassen hat, beschränken sich natürlich nicht nur auf die U-Bahn und -Bahnhöfe. An den Eingängen zu Shopping Malls und Museen wird darauf hingewiesen, dass man gefälligst einen Mundschutz tragen soll, wenn man erkältet ist. Und selbstverständlich tragen alle Streetfoodverkäufer, Kellner und Platzzuweiser in Restaurants Mundschutz.

Hygiene geht vor
Hygiene geht vor

Ich genieße die Ordnung, Sauberkeit und Hygiene total. Aber immer mal bin ich verführt, etwas total gegen die Regeln zu machen. Manchmal sträubt sich etwas in mir, brav zu machen, was alle machen.

An der Baustellenausfahrt steht ein Hinweisschild, dass die Baustellenfahrzeuge ihre Reifen säubern müssen, bevor sie auf die Straße fahren. Und tatsächlich ist nicht eine schlammige Reifenspur zu sehen.

Kein Müll – nirgends

Meine Joggingstrecke ist zwar autofrei, aber nicht sehr schön. Ich laufe an einem Flussufer, mehr so eine Art einbetonierter Großstadtkanal, am Ufer gegenüber die Müllverbrennungsanlage, neben mir eine hohe Betonwand, über mir die Autobahn. Zuhause würde ich für so eine Strecke meinen Schrillalarm mitnehmen. Hier: Makellos gemähte Uferstreifen, pieksauberer Weg, kein Fitzelchen Müll weit und breit und nicht einmal ein paar Obdachlose oder Spuren von deren Aufenthalt unter der Autobahnbrücke.

Kein Platz für Individualismus

Was macht diese Gesellschaft aus, dass sich alle protestlos und phlegmatisch tausenden von Geboten fügen? Ist es die Angst vor Repression? Überwachungskameras stehen hier natürlich an allen Ecken. Ist es der soziale Druck? Ich habe schon beobachtet, dass jemandem der niest und hustet und keinen Mundschutz trägt, böse Blicke zugeworfen werden.
Sicher spielt das eine Rolle. Aber ich glaube, dass es ganz wesentlich die schiere Masse an Menschen ist, die hier eng zusammen leben und dadurch anderes Verhalten erforderlich machen. Taiwan ist eins der bevölkerungsdichtesten Länder der Erde. Hier in Taipeh leben im Schnitt 10.000 Menschen auf 1 qkm. Unvorstellbar! Für ausgeprägten Individualismus wie wir ihn kennen, die im eigenen Häuschen mit Garten und Vorgarten aufgewachsen sind, ist hier schlicht und einfach kein Platz.

Das Leben ist eng hier und das erfordert das Aufgeben persönlicher Freiheiten, die für mich selbstverständlich sind. Aber es funktioniert.

Das Leben in der Masse erfordert ein normenkonformes, angepasstes Verhalten in einem Maße, das mir manchmal unheimlich vorkommt. Aber ich genieße es.

Manchmal träume ich davon, das WIFI in der U-Bahn zu blockieren. Einfach nur um zu sehen, was dann passiert.

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Mittwoch, 8. November 2017
Das Café am Rande der Welt
Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Foto-Challenge  vom travellife.blog, die unter dem sehr schönen Motto von Heinrich Heine

"Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste."

steht.

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Ich sitze in einem
Café am Rande der Welt
, lasse meinen Blick über das ruhige Meer schweifen und denke über das Leben nach.

Strandcafe
Das Café am Rande der Welt - John Strelecky

Ich habe ein schönes Leben, es gefällt mir. Ich kann mehr oder weniger tun und lassen, was ich will. Und ich will nur sehr wenig. Ich brauche nur sehr wenig, denn oft sind es die kleinen Dinge, die das Leben wertvoll machen. Gibt es einen Gott der kleinen Dinge?

Der Gott der kleinen Dinge
Der Gott der kleinen Dinge - Arundhati Roy

Gibt es jemanden, der all den kleinen, unauffälligen Schönheiten, die so oft unter der Wahrnehmungsschwelle liegen, sagt: Ihr seid wichtig, ihr verzaubert das Leben?

Während ich noch diesen Gedanken nachhänge, versuche ich in einer mir fremden Sprache einen weiteren Kaffee zu bestellen. "Bitte einen Kaffee" versuche in der Sprache jeden Landes zu lernen, das ich auf meinen Reisen besuche. Aber oft verliere ich mich im  Labyrinth der Wörter.

Das Labyrinth der Woerter
Das Labyrinth der Wörter - Marie-Sabine Roger

Und schaue in ein zuerst fragendes, dann lächelndes Gesicht. Ein Gesicht, das mein Stammeln in der Fremdsprache interpretiert und freundlich nickt. Kaffee - ein inzwischen internationales Getränk.☕💛

Der Blick in die Ferne, das gleichmäßige Plätschern der Wellen am Strand und die warme Sonne wirken auf mich ungemein beruhigend. Es ist nicht viel los, hier im Café am Rande der Welt. Ich bleibe einfach sitzen.  Die weiteren Aussichten sind gut. Der Strand ist wunderschön und ich habe alle Zeit der Welt.

Die weiteren Aussichten
Die weiteren Aussichten - Robert Seethaler

Das Leben geht auch ohne mich weiter.  Im Schatten des Windes, der die Palmen tanzen und die Sonnenschirme aus Bast dazu ein Lied rascheln lässt, verbringe ich meinen Nachmittag.

Im Schatten des Windes
Im Schatten des Windes - Carlos Ruiz Zafon

Ich setze einen Tag aus. Keine Besichtigungen,  das Handy bleibt in der Tasche, keine Gespräche über Alltagsprobleme. Schweigen.

Der Himmel verändert seine Farbe. Von strahlendem Azurblau zu einem warmen Hellblau. Kleine Wölkchen mit rosa-orangem Unterton. Der Sonnenuntergang kündigt sich an. Die letzten Verkäufer stapfen am Strand entlang. Ich kaufe ein paar Austern und lasse sie mir in der Küche zubeteiten. Eine Delikatesse.

Delikatessen
Bruno, Chef de Police – Delikatessen - Martin Walker

Gibt es einen schöneren Abschluss eines solch wunderbaren Tages? Für mich nicht. Für mich ist das Paradies genau hier, nicht anderswo.

Das Paradies ist  (nicht) anderswo
Das Paradies ist anderswo - Mario Vargas Llosa

Jede Reise ist auch immer eine Reise zu sich selbst. Eine Entdeckung der Welt im Inneren, die im Alltag so oft überlagert wird von den kleinen Pflichten und den großen Notwendigkeiten. Hier, am Rande der Welt, die Füße im Sand und über mir die ersten Sterne, spüre ich, was für eine lange Reise ich noch vor mir habe - auf dem Weg zu mir selbst.

So eine lange Reise
So eine lange Reise - Rohinton Mistry

Ein letztes Selfie in der Dunkelheit und ich nehme Abschied von diesem wunderschönen Ort.

Selfie
Selfie - Jussi Adler-Olsen

Und an dieser Stelle danke ich Selda vom travellife.blog für diese wunderbare Inspiration.

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Sonntag, 5. November 2017
DIE ERSTEN TAGE IN TAIPEH: Schokolade und die Brandenburgischen Konzerte
Durch die vielen Reiseerfahrungen der letzten Jahre habe ich endlich einen Weg gefunden, mich auch in so völlig fremden Ländern wie Taiwan relativ schnell einzugewöhnen.
Natürlich bin ich genau wegen dieser Fremdheit hier. Weil ich neugierig bin, weil ich neue Lebensumfelder entdecken will. Ich fühle mich eher als Entdecker als Abenteurer.
Und zum Entdecken brauche ich Ruhe und Muße und einen offenen Geist. Wenn ich in den ersten Tagen müde durch neue, fremde Straßen gehe, getrieben vom Gedanken etwas sehen zu müssen, bin ich oft schnell genervt. Von nicht vorhandenen Bürgersteigen, dem Verkehrslärm, den vielen Menschen.
Deshalb habe ich eine Routine entwickelt:
Um ausreichend Energie zu haben, mich in die neue Umgebung einzugewöhnen. Um die Fremdheit schätzen zu können.

Schließlich will ich Taiwan, die neue Kultur und die neue Sprache erkunden, intensiv und ausgiebig, aber langsam und auf meine eigene Art und Weise.

"I AM NOT THE SAME, HAVING SEEN THE MOON SHINE ON THE OTHER SIDE OF THE WORLD"
- Mary Anne Radmacher

Das Hochgefühl, als das Flugzeug abhebt, die Vorfreude auf einen neuen Alltag, die Freude zu entdecken wie groß und wunderschön unsere Welt ist – das ist einfach WOW, aber auch leider sehr schnell wieder verflogen, als ich nach 14h ohne Bewegung und Schlaf steif und unendlich müde aus dem Flugzeug in Taipeh aussteige und mir eigentlich nichts sehnlicher wünsche als zurück ins eigene Bett. Müdigkeit, Schlange stehen fürs Visum, Durst, ein träger Geldautomat, eine lange Taxifahrt –
ich stelle mich schon einmal darauf ein, dass sich die mit viel Aufwand ausgesuchte hübsche kleine Wohnung anfühlt wie ein dunkles Loch mit Verkehrslärm. Aber so schlimm kommt es gar nicht.

SEELENTRÖSTER
Schokolade? Ja! Ich habe tatsächlich eine Tafel Schokolade (99%, ohne Zucker) mitgenommen, um mir die Ankunft im dunklen Loch mit Verkehrslärm zu versüßen. Und weil die Wohnung auf mich schon vom ersten Moment an charmant wirkt, brauche ich die Brandenburgischen Konzerte gar nicht und das eigene Raumspray habe ich sowieso nicht eingepackt. Normalerweise fühle ich mich schneller wohl, wenn es schmeckt, klingt und riecht wie zu Hause, aber die Wohnung ist hell, nett eingerichtet und deshalb geht's auch so.

Blick vom Wohnzimmer

Am ersten Tag mache ich außerdem gar nichts. Ich kaufe nur schnell fürs Frühstück ein, inspiziere ansonsten die Wohnung, öffne alle Schränke, mache eine kleine Bestandsaufnahme und einen langen Einkaufszettel. Ich richte mich ein, putze ein wenig in der Küche, die nicht so sehr sauber ist, räume etwas Nippes weg (Schränke gibts nicht) und bastele mir aus den Sofakissen einen gemütlichen Leseplatz.
Ich versenke mich in den während des Flugs nicht ausgelesenen Krimi, ernähre mich von dem übriggebliebenen Reiseproviant (ich hatte sieben Portionen mit Blumenkohltalern, Brokkolimuffins, Brot, Wurst, Käse, Brownies und Nüssen eingepackt, um das Flugzeugessen zu vermeiden) und fange langsam an, mir die Wohnung "zu eigen" zu machen, mich wohl zu fühlen. Das faszinierende Klo "japanese style" mit beheizter Brille und eigenem Bedienpanel trägt seinen Teil dazu genauso bei wie der lustige "Drip Coffee", bei dem ein kleiner Filter mit bereits gemahlenem Kaffee mit einem Papiergestell über die Tasse gehängt und aufgegossen wird.

Drip Coffee

VON INNEN NACH AUßEN
Tag zwei. Sobald ich mich wohl fühle und die Wohnung als sicheren Rückzugsort etabliert habe, fange ich an, die nähere Umgebung kennenzulernen. Welche Geschäfte sind in unmittelbarer Nähe, wo ist ein größerer Supermarkt, wie komme ich zum Flussufer zum Joggen und zur U-Bahn, um in die Innenstadt zu fahren. Und ganz wichtig: der nächste Coffeeshop. Es gibt mindestens dreimal Starbucks in 5 min Entfernung, ein paar lokale Ketten und etwas weiter weg, aber in praktischer Nähe zum Supermarkt, einen kleinen privat aussehenden Coffeeshop, der mir sehr gut gefällt. Die wichtigste Voraussetzung für vier angenehme Wochen in Taipeh ☕💛.

Coffeeshop

ICH REISE NICHT, ICH GEHE AUF REISEN
Tag drei. Wohlfühlen in der Wohnung? Check. Gefühl für die Nachbarschaft? Check. Dann ist es soweit. Ich erweitere den Radius und starte mit meinem Sportprogramm im Fitnessraum des Nachbarhauses, den ich benutzen darf, weil der in meinem Haus nicht mehr existent ist (ein Nachteil, wenn man ein Jahr im voraus bucht). Am Nachmittag regnet es und ich starte das Besichtigungsprogramm mit einer Exkursion per U-Bahn in die Shopping Mall des ehemals höchsten Gebäudes der Welt: Taipei 101.

Und als ich zurückkomme, fühlen sich das Viertel und die Wohnung auch in der bereits eingebrochenen Dunkelheit schon ein bisschen nach "zuhause" an.

Nachbarschaft bei Nacht

Die Reise beginnt. Ich bin bestens darauf vorbereitet, zehn Wochen lang Taiwan, seine Kultur, Landschaft und Menschen kennenzulernen. Und sehr, sehr gespannt darauf.

"CERTAINLY, TRAVEL IS MORE THAN THE SEEING OF SIGHTS; IT IS A CHANGE THAT GOES ON, DEEP AND PERMANENT, IN THE IDEAS OF LIVING"
–Miriam Beard

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